Der Podcast Diary of a CEO von Steven Bartlett zählt zu den erfolgreichsten Business- und Persönlichkeitsformaten im englischsprachigen Raum. Ich selbst habe ihn schon öfter im GenFem Diaries Podcast zitiert. Seit seinem Start 2017 hat Bartlett Millionen Menschen erreicht, mit Gesprächen über Erfolg, mentale Gesundheit, Unternehmensführung und persönliches Wachstum. Doch gerade erlebt sein Format eine Welle an Kritik, die weit über übliches Social-Media-Tamtam hinausgeht – und sie betrifft zentrale Narrative in Bezug auf Geschlechter, Beziehungen und Reproduktion.
Im Zentrum der Debatte stehen mehrere Podcast-Clips, in denen es um die „Male Loneliness Epidemic“, um Geburtenraten und um gesellschaftliche Verantwortung geht, und zwar mit Aussagen, die Feminist:innen, Medien und Podcaster:innen – inklusive mir – als problematisch, wenn nicht gefährlich empfinden.

Dr. Alok Kanojia: Wenn Einsamkeit zum „Genpool-Problem“ wird
Dr. Alok Kanojia ist ein US-amerikanischer Psychiater, bekannt aus der Gamer- und Mental-Health-Szene. In einer Episode, die bereits Anfang Juli 2025 erschienen ist und Anfang 2026 wieder viral ging, sprach Bartlett mit dem amerikanischen Psychiater Dr. Alok Kanojia über sogenannte involuntary celibates oder „Incels“. Dabei wurde die Frage aufgeworfen, ob Gesellschaften strukturell eingreifen sollten, um Männern, die keine Partnerinnen finden, zu helfen; etwa, „Systeme einzurichten, damit diese Männer Partnerinnen treffen können“ und damit nicht „aus dem Genpool verschwinden“. Das lässt Fortpflanzung nach einem gesellschaftlichen Auftrag klingen anstatt nach einem individuellen, von Zustimmung geprägten, persönlichen Prozess.
Die Formulierung, dass ein „großer Teil der Männer“ aus dem Genpool „verschwinden“ könnte, löst nicht nur in mir Handmaid’s Tale-Assoziationen aus. Wenn darüber spekuliert wird, wie Gesellschaften „sicherstellen“ könnten, dass Männer sich fortpflanzen, werden Frauen schlichtweg zu Ressourcen degradiert.
Einsamkeit braucht Lösungen, keine Schuldzuweisungen
Männliche Einsamkeit ist real. Das ist empirisch belegt. Mehr Frauen entschließen sich heutzutage bewusst dazu, Single zu bleiben. Auch das ist empirisch belegt. Aber die Lösung liegt nicht darin, Frauen zu problematisieren oder Beziehungen zu instrumentalisieren.
Nachhaltige Antworten wären:
- emotionale Bildung für Jungen und Männer
- Räume für Verletzlichkeit
- Abbau toxischer Männlichkeitsnormen, die durch patriarchale Muster entstehen
- Förderung sozialer Kompetenzen
- Stärkung von Freundschaften jenseits romantischer Beziehungen
Kurz: mehr Beziehungskompetenz, nicht mehr Besitzansprüche.
Beziehungen sind kein Sozialprogramm. Nähe ist kein Menschenrecht. Sexualität ist keine gesellschaftliche Pflichtleistung.
Chris Williamson: Rückgang der Geburtenrate
In einer weiteren umstrittenen Folge war Chris Williamson zu Gast. Ein britischer Podcaster, der insbesondere durch Reality-TV-Formate bekannt wurde. In seinem Gespräch mit Bartlett lenkte er das Thema auf den globalen Rückgang der Geburtenzahlen. Dabei argumentierte er unter anderem, dass „die sozioökonomische Emanzipation von Frauen“ und der vermehrte Einsatz von Verhütung Erklärungsansätze seien, bevor er TikTok-Beispiele anführte, die Frauen als „zu wählerisch“ darstellen, und sogar erklärte: „Nach dem, was man hört, ist es eine sehr gute Idee, dass sie keine Mutter ist.“
Solche Aussagen mögen oberflächlich als pointierte Meinungsäußerungen durchgehen, doch sie reproduzieren eine Erzählung, in der Frauen explizit oder implizit verantwortlich gemacht werden für gesellschaftliche Probleme wie sinkende Geburtenraten.
„Geburtenkrise“ wegen zu hoher Standards?
Dass Geburtenraten in vielen Ländern sinken, hat vielfältige Ursachen: wirtschaftliche Unsicherheit, fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie, hohe Lebenshaltungskosten – und nicht zuletzt individuelle Lebensentscheidungen, die auf Autonomie und Selbstbestimmung beruhen.
Wenn Frauen allein oder überwiegend für diese Entwicklung verantwortlich gemacht werden, sei es durch „zu hohe Standards“ oder „Karriere über Familie“, dann wird ein strukturelles Problem auf individuelle Entscheidungen reduziert. Und genau hier besteht die Gefahr einer Rückkehr zu konservativen Rollenzuschreibungen, die in feministischen Debatten längst überwunden schienen.
Fehlender Widerspruch ist nicht neutral
Was bei Diary of a CEO gerade passiert, ist kein isolierter Skandal, sondern ein Symptom eines größeren Phänomens: Wie werden gender-politische Fragen heute diskutiert – und wer bekommt die Bühne dafür?
Die öffentlichen Statements von Bartletts PR-Leuten klingen in etwa so: Bartlett gebe nur verschiedenen Perspektiven Raum, ohne sie zu bewerten. Er ermögliche offene Diskussionen. Doch echte Neutralität existiert bei solchen Reichweiten nicht.
Wer Menschen mit problematischen Thesen eine Bühne bietet, ohne kritisch nachzufragen, normalisiert diese Positionen. Durch professionelle Inszenierung, Wohlwollen und fehlenden Widerspruch werden sie legitimiert.
Gerade im Self-Improvement- und Business-Kontext ist das besonders wirksam. Viele Hörer:innen sehen in Bartlett eine Vertrauensperson. Seine Gäste profitieren automatisch von diesem Vertrauensvorschuss.
Plattformen tragen Verantwortung – nicht nur für das, was gesagt wird, sondern auch dafür, was unwidersprochen bleibt.
Diese Art der Moderation suggeriert stillschweigend Akzeptanz, wenn nicht sogar Zustimmung, und normalisiert damit Aussagen, die in feministischer, sozialwissenschaftlicher und politischer Hinsicht hochproblematisch sind.
Podcasts wie Diary of a CEO erreichen Millionen von Menschen. Sie sind kein privater Gesprächskreis, sondern kulturelle Formate mit Wirkung. Wenn in solchen Formaten Narrative transportiert werden, die Frauen als Problem darstellen oder reproduktive Entscheidungen als gesellschaftliche Pflicht, dann hat das Konsequenzen – nicht nur für die Zuhörer:innen, sondern für die Art, wie Gesellschaft über Geschlechter, Beziehungen und Freiheit spricht und denkt.