Nackt zu sein bedeutet verletzlich zu sein – sichtbar, angreifbar. Nicht alle Menschen fühlen sich wohl mit dem Nacktsein. Doch warum ist das so? Woher kommt die Scham? Liegt es an Schönheitsnormen, denen wir nicht entsprechen? An einer Entfremdung vom eigenen Körper? Oder an der Angst vor bewertenden, verurteilenden oder sexualisierenden Blicken? Vielleicht ist es von allem ein bisschen.
Der weibliche Körper ist selten einfach nur ein Körper. Er ist Projektionsfläche, Bewertungsobjekt, politisches Statement und persönlicher Konfliktraum zugleich. In dieser Folge des GenFem Diaries Podcast sprechen Anne und ich über Nacktheit, Scham, Bewertung und darüber, wie früh Frauen lernen, ihren Körper nicht als Zuhause, sondern als Problem zu begreifen.

Den Anstoß für dieses Gespräch gab ein gemeinsamer Besuch in einer textilfreien Seesauna – ein Besuch, der fast ins Auge gegangen wäre 😉.
„Nackt sein ist die Verspottung der Evolution.“

Naja. Ist jetzt nicht ganz ernst gemeint von der Zitatgeberin, meiner wundervollen Co-Hostess und Saunamaus-in-Training Anne. Aber wohl gefühlt hat sie sich erstmal nicht. Nacktsein ist für viele Frauen kein neutraler Zustand, sondern ein Ausnahmezustand: verbunden mit Unsicherheit, Beobachtung und der Angst, bewertet zu werden.
Nacktheit bedeutet Kontrollverlust. Kleidung bietet Schutz, Möglichkeiten zur Inszenierung, zur Korrektur. Ohne sie bleibt nur der Körper, wie er ist – ungefiltert. Genau darin liegt für viele die Herausforderung.
Scham als Dauerbegleiterin

Im Gespräch kommen wir schnell auf das Thema Scham. Nicht als individuelles Gefühl, sondern als strukturelles Prinzip, das weibliche Körper begleitet. Ein Zitat der Autorin Laurie Penny bringt das präzise auf den Punkt:
Frauen, egal ob sie sich als Feministinnen sehen oder nicht, fühlen sich schuldig für den Zustand ihrer Wohnungen und Häuser, ebenso wie wir uns schuldig für den Zustand unserer Körper fühlen. (…) Wir schämen uns, wenn der Eindruck entsteht, wir hätten irgendwie die Kontrolle verloren und wären des Frauseins, wie es gesellschaftlich interpretiert wird, nicht würdig. Laurie Penny, Fleischmarkt
Wir alle kennen das: Der weibliche Körper wird nicht nur gesehen, sondern ständig bewertet – und diese Bewertung wird internalisiert. Scham entsteht nicht erst durch Kommentare von außen, sondern durch das permanente Gefühl, nicht zu genügen. Nicht kontrolliert genug, nicht diszipliniert genug, nicht normgerecht genug.
Entfremdung vom eigenen Körper

Scham bleibt nicht folgenlos. Sie führt häufig zu einer inneren Distanzierung vom eigenen Körper – zu einer Form der Entfremdung. Die Autorin Saralisa Volm beschreibt dieses Gefühl eindrücklich:
Lange Zeit dachte ich wirklich, ich sei kaputt. (…) Entfremdet von meinem Körper, den ich so oft wie Dreck behandelt hatte, den ich weder schön noch liebenswert fand. Der Körper, der sich mehr dumme Sprüche angehört hat, als er auszuhalten imstande war. Der Körper, den sich andere angeeignet hatten, bevor ich selbst wusste, was er braucht. Saralisa Volm, Das ewige Ungenügend
Der Körper wird zum Objekt. Zu etwas, das beobachtet, kommentiert und beurteilt wird – oft lange bevor Frauen selbst ein Verhältnis zu ihm entwickeln können. Viele lernen früh, ihren Körper eher zu kontrollieren als ihm zuzuhören.
Verletzlichkeit und Kontrolle

Nacktsein konfrontiert uns genau mit dieser Entfremdung. Ohne Kleidung gibt es keine Distanz mehr, keine ästhetische Verhandlung. Der Körper ist sichtbar – und damit auch verletzlich. Diese Verletzlichkeit ist für viele Frauen schwer auszuhalten, weil sie gelernt haben, sich über Kontrolle zu schützen: Kontrolle über Gewicht, Kleidung, Haltung, Wirkung.
Gleichzeitig zeigt sich in solchen Momenten, wie sehr unser Selbstbild von äußeren Blicken geprägt ist. Oft sehen wir uns selbst durch die Augen anderer – real oder imaginiert. Der eigene Körper wird nicht erlebt, sondern beurteilt.
Altern, Veränderung und Verlust von Sichtbarkeit
Ein weiterer zentraler Aspekt unseres Gesprächs ist das Altern. Nicht als biologischer Prozess, sondern als gesellschaftlich bewertete Veränderung. Ein Zitat, das diesen Gedanken bündelt, lautet:
Fast alle Frauen, die ich kenne, wurden als Kinder mehr oder weniger stark emotional missbraucht, weil sie schon so früh so viel reifer sein mussten als die gleichaltrigen Jungs. Wir müssen früh mehr Verantwortung übernehmen, für uns selbst, für andere und insgesamt mehr aushalten. Bis wir 30, 40, 50 Jahre alt sind, werden wir und unsere Körper unglaublich viel durch und überlebt haben. Warum halten wir trotzdem so panisch an diesen jüngeren, unreiferen Versionen unserer Selbst fest? Warum fürchten wir uns so vor Transformationsprozessen? Sophia Fritz, Toxische Weiblichkeit
Der alternde weibliche Körper verliert in vielen Kontexten an Sichtbarkeit. Während Jugend mit Wert, Begehrlichkeit und Relevanz verknüpft wird, gilt Altern oft als Verlust. Diese Angst ist weniger individuell als strukturell – sie entsteht in einer Gesellschaft, die weibliche Existenz stark an Attraktivität koppelt.

Bewertung – auch unter Frauen
Ein wichtiger Punkt ist dabei, dass Bewertung nicht nur von Männern ausgeht. Auch Frauen bewerten andere Frauen – oft dort am schärfsten, wo eigene Unsicherheiten sitzen. Diese Dynamik ist selten bewusst, aber tief verankert. Sie zeigt, wie stark gesellschaftliche Normen verinnerlicht werden und wie schwer es ist, sich ihnen vollständig zu entziehen.
Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit Akzeptanz, sondern mit Ehrlichkeit. Und damit, den eigenen Körper nicht länger als Problem zu behandeln, das gelöst werden muss.
Hier kannst du dir komplette Folge anschauen bzw anhören:
Die komplette Folge „Bewertet, beschämt, durchgefallen – die nackte Wahrheit über den weiblichen Körper“ auf Spotify und YouTube.

Quellen
- [1] Laurie Penny (2011), Fleischmarkt
- [2] Saralisa Volm (2023), Das ewige Ungenügend
- [3] Sophia Fritz (2025), Toxische Weiblichkeit