Über die Jahre im Berufsleben sammelt frau zwangsläufig Erfahrungen. Manche sind positiv, andere eher … weniger. Aber eben diese Mischung formt die Perspektive auf Arbeit, Karriere und Zusammenarbeit. Wenn Anne und ich auf unsere beruflichen Laufbahnen zurückblicken, gibt es einige Erfahrungen, die wir erstmal selbst machen mussten, weil sie uns niemand beigebracht hat. Unsere Perlen der Weisheit haben wir im Genfem Diaries Podcast ausführlich diskutiert – hier findest du die Kurzversion.
1. Fleiß allein reicht nicht – Sichtbarkeit ist entscheidend

Viele von uns werden ja zu fleißigen Bienchen erzogen. Arbeiterbienchen, wohlgemerkt. Doch wie Anne schon relativ früh bemerkte: Gute Arbeit spricht selten für sich selbst. Es reicht nicht, Aufgaben gewissenhaft zu erledigen und darauf zu hoffen, dass das Umfeld es schon bemerken wird.
In der Praxis werden diejenigen, die ihre Arbeit sichtbar machen, auch eher wahrgenommen. Das bedeutet nicht, sich in den Vordergrund zu drängen oder sich selbst zu inszenieren. Es geht vielmehr darum, transparent zu kommunizieren, woran man arbeitet, welche Ergebnisse erzielt wurden und welchen Beitrag man leistet.
Besonders auffällig ist, dass viele Menschen – oft aus Unsicherheit oder Gewohnheit – genau das nicht tun. Ist es zu gewagt, zu behaupten, dass vor allem Frauen sich hier an die eigene Nase fassen müssen? Egal, ich tu’s einfach. Das Problem entsteht dann, wenn man/frau davon ausgeht, dass Leistung automatisch (an-)erkannt wird. In den meisten Arbeitsumfeldern passiert das jedoch nicht zuverlässig.
Was lernen wir daraus? Wer gesehen werden möchte, muss aktiv dazu beitragen, sichtbar zu sein.
2. Dir wird nichts geschenkt, Sis
Passt gut zu Nr. 1: Nur du selbst trägst dauerhaft die Verantwortung für die eigene Karriere.
Natürlich gibt es Führungskräfte, die fördern, unterstützen und Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen. Aber am Ende bleibt es deine eigene Aufgabe, Klarheit darüber zu haben, was du möchtest, und auch entsprechend zu handeln.
Ich habe selbst erlebt, wie leicht man in eine Haltung rutschen kann, in der man darauf wartet, entdeckt zu werden. Dass jemand erkennt, was man leistet, und entsprechende Schritte einleitet. In der Realität musst du dich aber meist selbst über die Ziellinie tragen.
Was lernen wir daraus? Wer eine bestimmte Rolle, Verantwortung oder Entwicklung anstrebt, muss das klar formulieren. Ebenso gehört dazu, sich aktiv die passenden Gelegenheiten zu suchen und Beziehungen aufzubauen, die diese Entwicklung unterstützen.
3. Der Fisch stinkt vom Kopf
Der Einfluss von Führungskräften auf ein Team oder eine gesamte Organisation ist enorm.
Sowohl Anne als auch ich haben schon sehr gute und grottig schlechte Führung erlebt. Und der Unterschied ist deutlich spürbar. Gute Führung schafft Klarheit, Vertrauen und eine Umgebung, in der Menschen ihr Potenzial entfalten können. Schlechte Führung hingegen führt zu Unsicherheit, Frustration und im schlimmsten Fall zu einem toxischen Arbeitsklima.
Interessant ist dabei, dass schlechte Führung nicht immer laut oder offensichtlich ist. Oft zeigt sie sich durch fehlende Entscheidungen, unklare Verantwortlichkeiten oder mangelnde Unterstützung bei Konflikten.
Was lernen wir daraus? Chef:in sein heißt nicht nur das Sagen haben, sondern auch eine Verantwortung. Und diese wirkt sich direkt auf Motivation, Leistung und Zusammenarbeit aus. Und das ist eine Erwartungserhaltung, die du auch gerne an deine Führungskraft haben darfst.
4. Netzwerken ist kein „Nice-to-have“

Anne bezeichnet ihr Beziehung zum netzwerken als „Hassliebe“. Verstehe ich, auf andere Menschen zugehen fällt nicht jedem leicht. Trotzdem sind wir uns einig: Netzwerken ist einer der wichtigsten Faktoren im Berufsleben – egal ob in der Festanstellung oder als Unternehmerin. Netzwerke eröffnen Zugang zu Informationen, Personen, Perspektiven und Möglichkeiten, die man allein oft nicht erreicht. Sie helfen dabei, sichtbar zu werden, sich auszutauschen und voneinander zu lernen.
Dabei geht es vor allem darum, echte Beziehungen aufzubauen. Austausch auf Augenhöhe, gegenseitige Unterstützung und das Teilen von Erfahrungen stehen im Mittelpunkt.
Gerade im beruflichen Kontext haben Anne und ich festgestellt, wie wertvoll interne und externe Netzwerke sein können – insbesondere auch für Frauen. Sie bieten nicht nur Zugang zu neuen Kontakten, sondern auch zu Vorbildern und unterschiedlichen Karrierewegen. Anne und ich hätten und ohne ein externes Netzwerk für Frauen in der Wirtschaft nicht kennengelernt. Und du müsstest gerade was anderes lesen.
Was lernen wir daraus? Netzwerken ist auch wieder etwas, das wir selbst aktiv pflegen und gestalten müssen. Investiere von Anfang an in dein Netzwerk, und es trägt dich, wenn du es mal brauchst.
5. Ja-Sager bekommen weniger Respekt als echte Kritiker
Mag erstmal douchebaggy klingen, aber bleib bei mir: Menschen, die reflektiert widersprechen oder konstruktive Kritik äußern, erfahren oft mehr Respekt erfahren als reine Zustimmung.
Das bedeutet nicht, ständig auf Rebellion aus zu sein. Vielmehr geht es darum, eine eigene Perspektive zu haben und diese, wenn sinnvoll, einzubringen. Denn deine eigene Perspektive kann eine sehr wertvolle Sichtweise darstellen, auf die andere in dem Zusammenhang noch nicht gekommen sind.
Gleichzeitig ist es wichtig, Situationen differenziert zu betrachten. Nicht jede Diskussion muss geführt werden, und nicht jedes Thema erfordert eine Positionierung. Bewusst zu entscheiden, wann man sich einbringt und wann nicht, ist dabei ein zentraler Teil der eigenen Professionalität.
6. Das System ist nicht für uns gemacht

Laut des Statistischen Bundesamts (Destatis) arbeitete 2024 fast jede zweite Frau (49%) in Teilzeit. Auch wenn die Quote erwerbstätiger Mütter in den letzten Jahren gestiegen ist, liegt sie dennoch deutlich unter der Quote erwerbstätiger Väter. Knapp 7 von 10 erwerbstätigen Müttern arbeiten in Teilzeit [1]. Diese Fakten sind weitgehend bekannt – wo ist also das Learning?
Viele Entscheidungen, insbesondere in Bezug auf Karriereentwicklung, sind nicht nur individuell geprägt, sondern stark von strukturellen Gegebenheiten beeinflusst. „Das System ist nicht für uns gemacht“, stand in meinem Notizbuch als Eselsbrücke. Dazu gehören Arbeitsmodelle, Erwartungen an Verfügbarkeit, gesellschaftliche Rollenbilder und auch wirtschaftliche Faktoren.
Woran liegt es, dass Frauen „nicht wollen“? Gerade wenn es um Frauen in Führungspositionen geht, scheint sich manchmal eine Diskrepanz zwischen vorhandenen Möglichkeiten und tatsächlicher Nutzung zu zeigen. Es wird gefragt, warum bestimmte Chancen nicht wahrgenommen werden.
Ein Teil der Antwort liegt darin, dass die bestehenden Strukturen nicht immer mit den Lebensrealitäten vieler Menschen kompatibel sind. Führungspositionen sind klassischerweise noch mit mindestens 40 Stunden, meist sogar mit vielen Überstunden, und einem hohen Maß an Verfügbarkeit und Flexibilität assoziiert (und ja, es gibt natürlich hier auch hier Ausnahmen). Wie sollen Personen, die zu Hause zusätzlich für den Löwenanteil der Care Arbeit zuständig sind, und deutlich mehr Mental Load tragen, diesen Erwartungen gerecht werden?
Das Gute ist: Der Wandel ist da. Bedingungen in der Arbeitswelt ändern sich. Und dann ist da ja auch noch die nachrückende Generation, die mit einem ganz neuen Mindset an diese ganze Arbeitsthematik herangeht. Wir netzwerken und bleiben dran. Denn im Rahmen dieses Gesprächs sind wir mal bei zwei fundamentalen Erkenntnissen gelandet.
1. Wir werden alt und weise.
2. Wenn wir uns unserer Selbstwirksamkeit bewusst sind und entsprechend handeln, lässt sich eine Menge wuppen.
Quellen
[1] Statistisches Bundesamt: Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet in Teilzeit, 2025, https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_175_13.html